Einführung

Denise Heinlein: Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt – Teil 1

Denise Heinlein: Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt – Teil 1

Als Monty Roberts Head Instructor auf der “Flag is Up Farm” in Kalifornien hat Denise Heinlein mit gerade mal Mitte 30 eigentlich bereits den Zenith ihrer Laufbahn als Pferdetrainerin erreicht. Sie unterrichtet Schüler aus und in aller Welt, arbeitet mit Rettungspferden und Mustangs und organisiert den Alltag in Montys Learing Center in Solvang.
Sicher kein gewöhnlicher Werdegang – und doch ein Weg, der wie es scheint nicht anders verlaufen konnte. Schon als Kind formte sich in ihr die Überzeugung bei Pferden durch Vertrauen zum Ziel zu kommen. Als Erwachsene folgte mit Hilfe der Methoden von Monty Roberts lediglich das Werkzeug zum Gelingen. Denise ist ein pragmatischer Mensch, kein blinder Verfechter einer Theorie. Sie hat die Pferdeindustrie aus allen Perspektiven kennen gelernt, aber wenn sie von ihren Schützlingen spricht, wird ihre Leidenschaft sichtbar. Sie ist getragen von der Idee etwas zu verändern. Das Verständnis für das Wesen Pferd – seine Möglichkeiten zu lernen und seine Instinkte – möchte sie möglichst vielen Pferdeliebhabern nahe bringen.
Als ich 2011 zum ersten Mal mit ihr Kontakt hatte, im Schlepptau mein „Projekt“ der Rettungswallach Blue, hat sie mir die Augen geöffnet und mein Pferd von einem Problemfall zu einem Partner gemacht. Und das in nur knapp 14 Tagen. Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen, was ich all die Jahre, die ich mit und neben Pferden verbracht habe, nicht gesehen habe.
2018 plant sie fest nach Deutschland zurück zu kehren und in Bayern ein Trainings und Lernzentrum nach den Methoden von Monty Roberts zu eröffenen. Mit Empathie und Erfahrung wird sie auch dort die nachhaltige Beziehung zwischen Mensch und Pferd schnell und produktiv fördern. Pferden und Pferdemenschen ist es nur zu empfehlen sich dort weiter zu bilden. Wie Denise oft unterstreicht:  „ Wenn man einmal verstanden hat, wie Pferde denken, fällt Pferden und Besitzern Alles so viel leichter.“

Erzähl doch mal von deinem Werdegang. Sprich wie bist du überhaupt zu den Pferden gekommen?

Also wenn man nach meiner Mutter geht, hab ich schon bevor ich laufen konnte nach Pferden gelechzt. Wo Pferde waren musste sie mich hintragen. Meine Mutter ist der Überzeugung die Pferdeliebe war mir angeboren. Mit 5 Jahren hab ich dann angefangen zu voltigieren. Die Reitlehrer hatten mir Reitstunden abgelehnt, weil ich zu klein war und angeblich keine Kontrolle über die Pferde gehabt hätte. Deshalb war ich dann eineinhalb Jahre beim Voltigieren dabei und der kleine Zwerg in der Gruppe.

Oben auf den Schultern deiner Mitstreiter?

Ja genau. Im Reitverein Gaustadt war das damals, mit einem riesengrossen Schimmel.

Würdest du sagen Voltigieren ist eine gute Art den ersten Pferdekontakt zu haben?

Dadurch, dass man einfach so mit der Bewegung mitgehen muss und das auch den Körper trainiert, ist, denk ich jeder Sport, in dem man seinen Körper fühlt, eine gute Vorbereitung aufs Reiten. Es hat ja wahnsinnig viel mit einem selbst zu tun. Wenn man selbst nicht in der Balance ist, oder keine Körperspannung besitzt, dann kann man nicht vom Pferd verlangen das alles zu kompensieren. Ich hab mich einfach von Anfang an dadurch sicher auf dem Pferd gefühlt. Das ohne festhalten, ohne Sattel, auf dem Pferd stehen usw. das gab mir ein wirklich gutes Balance-Gefühl.

Dann hast du aber, sobald du groß genug warst, mit fliegenden Fahnen die Seiten gewechselt?

Ja genau. Mit sieben bin ich dann in die Reitschule, aber auch nicht all zu lang. Denn als kleines Kind hat mir das schon nicht gefallen das es eben so hieß: „Setz dich durch und hau mit der Gerte drauf“ Das hat mir einfach widerstrebt. Ich hatte dann das Glück, das meine Mutter Freunde mit Pferden hatte. Als eine von diesen Freundinnen ihren Haflinger nur 5 min Fußweg von unserem Haus in einem kleinen Stall einstellte, war ich jede freie Minute da. Ausmisten gegen Spazieren gehen mit dem Pferd und so. Mit 12 hab ich dann zusammen mit meiner Freundinnen – Clique auf einem Westernturnier in Burgebrach Felix gewonnen.

Wie gewonnen?

Der wurde verlost, ein zweijähriger Ponywallach. Wir Stallmädels haben so viele Lose gekauft wie möglich und gesagt egal wer ihn gewinnt, der wird unser Stallpony. Mit dem sind wir dann in der Gegend rumgezogen oder besser gesagt, der hat uns in der Gegend herum gezogen. Das ging dann leider in die Brüche mit der Freundschaft und wir waren uns als Gruppe nicht mehr so einig. Daraufhin hab ich dann mein Pferd, Apollo von meinen Eltern bekommen.

Und den hast du heute noch?

Ja, der ist heute noch mein Pferd. Er ist auch quasi der Grund, warum ich heute hier bei Monty sitze. Durch dieses Pferd habe ich von Anfang an so wahnsinnig viel gelernt. Ich war 13 und er 3, eben kastriert, kaum eingeritten und so stand er dann da. Meine Eltern haben ja keine Ahnung von Pferden. Die dachten halt, der schaut nett aus. Aber es war die besten Entscheidung überhaupt, denn ohne Apollo wäre ich nicht hier.

Hast du dann da schon die Kurve Richtung Horsemanship gemacht? Du sagtest ja schon, das Reitschulen Reglement ging dir gegen den Strich und dann so ein junges Pferd? Hast du das dann gleich alleine gemacht ohne Hilfe?

So viel habe ich da gar nicht nachgedacht. Ich hatte ja selbst gar keine Ahnung. Die Freundin meiner Mutter hat mir dann geholfen und mir gezeigt, wie man zum Beispiel longiert usw.

Aber wie…. du hast dich einfach draufgesetzt und gedacht: “Das wird schon gutgehen”?

Ja, ja. Am Anfang hatte ich ein paar kleine Probleme, aber in dem Stall in dem ich war, gab es ein paar Reiter, die mir helfen wollten. Apollo war von Anfang an einfach ein Goldstück und hat versucht Alles so gut zu machen, wie er nur konnte. Wahrscheinlich klappte das so gut, weil ich ihn eben, mehr oder weniger, einfach gelassen habe. Trotzdem, erzogen hab ich ihn schon! “Den Strick über die Nase ziehen” wenn er mich überholt und solche Sachen,  hat man mir da gesagt. Das habe ich dann teilweise nachgeahmt, aber relativ schnell aufgehört, weil es mir einfach nicht richtig vorkam. Außerdem war Apollo ein Pferd das solche Maßnahmen gar nicht erfordert hat.

So mit 15/16 wollte ich mich dann auch fit machen und da Apollo ja nur 5m von meinem Haus entfernt stand, habe ich ihn einfach mit zum joggen genommen. Das hat sich mir eingebrannt, dieses Gefühl von Zusammensein ohne Zwang. Ich dachte einfach: “Ich hab nicht so viel Zeit, auch noch zu reiten, also geh ich mit Hund und Pferd in den Wald zum joggen”. Erst hatte ich ihn am Strick, aber entweder ich war zu langsam, oder er zu schnell – da hab ich ihm den Strick um den Hals gelegt, der ist dann aber runtergefallen. Also war ich schnell an dem Punkt, wo ich ihn abgeclippt habe. Pferd und Hund sind dann neben mir her oder voraus gelaufen. An jeder Kreuzung hat Apollo gewartet und gegrast, bis ich hinterher kam, wenn ich dann abgebogen bin, ist er prustend hinterher. Diese Erlebnisse haben mich extrem geprägt. Das Pferd als intellegentes, selbst denkendes Lebenwesen wahrzunehmen, dafür war Apollo der perfekte Lehrmeister. Einfach ein schlaues, krasses Pferd! Das hat mich dafür sensibilisiert, wie man Pferden etwas beibringt.

Denise Heinlein Head Instructor von Monty Roberts
Denise Heinlein bei der Arbeit | Quelle: Denise Heinlein

 

Dann kam Monty Roberts, was hat dich da fasziniert? Es gibt ja doch zumindest noch Pat Parelli der in etwa den gleichen Ansatz verfolgt. Wie war dein Weg genau zu diesem Horseman?

Zum 18. Geburtstag habe ich von Freunden eine Karte zu einer seiner Vorführungen in Fulda bekommen. Dort habe ich Monty das erste Mal gesehen. Das hat mir schon gefallen, aber  so richtig mitgerissen hat es mich nicht. Cool, aber eben nur eine Variante von Pferdearbeit, war das, in meinen Augen. Ich hatte sein Buch gelesen, seine Biographie und das hat mich angesprochen, klar. Aber da waren ja viele Leute begeistert, also nicht nur Pferdemenschen.. seine ganze Geschichte. Aber für mich waren die Pferde eher Hobby und ich habe das halt so gemacht, wie ich es für richtig hielt. Einmal habe ich Apollo richtig schlecht behandelt, weil ich fliegende Wechsel üben wollte. Ohne jede Vorkenntnis meinerseits! Ich wurde wütend dabei, weil nichts geklappt hat. Es war so frustrierend und ich hab ihm im Maul rumgezogen und ihn mit den Sporen gekickt usw. Dann bin ich abgestiegen und hab ihn einfach stehen gelassen. Aber er ist mir hinterher gekommen – das warwie ein Schlag ins Gesicht für mich. Apollo hat das alles auf sich genommen, nur weil ich keine Ahnung hatte, wie man einem Pferd fliegende Wechsel beibringt. Das war das letzte Mal, dass ich einem Pferd gegenüber irgendeinen Zwang oder Gewalt angewendet habe. In diesem Moment dachte ich:” Was machen wir hier eigentlich?”

Welche Stationen hast du in deiner Karriere als Pferdemensch so durchlaufen?

2003 bin ich nach Kanada und habe auf diversen Ranches gejobbt. Da hab ich erstmal gesehen, was ein richtiges Reining oder Cowhorse Pferd leisten kann. Ich durfte dann auch Jungpferde anreiten und bin mit auf Turniere. Da hab ich erstmal in die Turnierreiterei reingeschnuppert. Es war ein Riesenspass! Danach war in 6 Monate in Österreich, bei einer Europa Meisterin in der Pleasure. Anschließend bin ich zurück nach Deutschland und habe bei einem Appaloosa Züchter ein Praktikum gemacht. Dort sind wir Reining und Working Cowhorse geritten. Aber je länger ich diese Turnierszene kannte, um so mehr wurde mir klar, dass das nichts für mich ist. Einfach zu viel Druck für die Trainer, zu viel harte Schule für die Pferde.

Also reizt dich der Turniersport zum Beispiel als Reiterin nicht mehr?

Die Turnierreiterei macht super viel Spass und es ist einfach toll,  wenn man mit einem Pferd so etwas erarbeiten kann. Nur muss man sich eben klar sein, dass man, wenn ein Pferd z. B. aus dem Stopp rausspringt und nicht durchzieht, eingreifen muss und sagen „Hey so geht’s nicht“. Wenn die Korrektur also eine faire Konsequenz ist, nicht sinnlos aus dem Effekt heraus, ist es schon ok. Für mich persönlich fängt die Gewalt an, wenn es nicht gerechtfertigt ist und man sich als Reiter nicht unter Kontrolle hat. Natürlich auch, wenn man sich nicht 100% sicher ist, ob es der eigene Fehler war oder der des Pferdes.

Du meinst, wenn man sich von Emotionen leiten lässt, wie Frust, Ehrgeiz usw.?

Ja genau, weil die Pferde lernen vom nachlassenden Druck. Du kannst relativ viel Druck benutzen, wenn es einen Weg für sie raus gibt. Wenn also bei jeder richtigen Reaktion der Druck nachlässt, wird jedes Pferd zusehen, dass es den Weg des geringsten Widerstands findet.

Man hat eben die eigene Verantwortung für sein Handeln. Wo genau Gewalt anfängt ist sehr subjektiv, das sagtest du ja schon.

Wie gesagt, ich sehe eben oft im Pferdesport oder in der Pferdeindustrie, dass an den falschen Stellen gespart wird. Da ist so wahnsinnig viel Geld involviert. Es wäre so wichtig, dass man dem Pferd Schritt für Schritt beibringt: „Du schau, das ist gar nicht so schwierig, du musst nur das und das machen und da ist dein Weg raus“. Schon allein, weil diese Pferde ja eine Investition sind, da müsste man doch ein Interesse daran haben, dass man lange was davon hat und sie “halten”.

Da bist du ja ganz auf der Linie von Doug Millholland und Don Boyd und der mangelnden Basisarbeit.

Klar, das sehe ich schon auch. Hier in Kalifornien ist die Cowhorse eigentlich der größere Sport. Da haben die Pferde noch ein bisschen mehr Basistraininig. Sie werden halt auch mehr wie Pferde gehalten und müssen auch mal bei der Rancharbeit ran, nicht nur im Sport. Aber das ist schon richtig, für die Bodenarbeit nimmt sich kaum noch jemand die Zeit.

www.interequus.de

Fortsetzung folgt…

Hier geht’s zum zweiten Teil unserer Interview – Serie mit Denise. Dann spricht sie unter anderem besondere Pferde,  Mustangs und vieles mehr.